Die Heringsche Täuschung, die Wundtsche Täuschung & die Orbison-Täuschung

Sind die beiden Waagrechten wirklich vollkommen gerade und parallel zueinander? Man kann es kaum glauben, doch trotzdem entspricht dies der Realität! Die Originalfigur wurde bereits 1861 von E. Hering entwickelt.33

Die Täuschung selbst entsteht durch Wechselwirkungen sich Heringsche- Täuschungschneidender Linien. Da hier gleich ein ganzes Bündel Linien die Parallelen schneidet, ist der Effekt intensiver als bei wenigen Linien.
Wie kommt diese Täuschung zustande?
Nach folgender Theorie wird die Täuschung durch die Fehlinterpretation der Winkel verursacht, die zwischen den Strahlen und den Parallelen entstehen.
In der Abbildung wird dies an einigen einzelnen Linien gezeigt:

Heringsche- Täuschung ErklärungDie Winkelverzerrung sorgt dafür, dass spitze Winkel größer wahrgenommen werden als sie sind (Winkelüberschätzung); analog dazu werden stumpfe Winkel kleiner wahrgenommen (Winkelunterschätzung). Diese modifizierten Winkel sind hier rot dargestellt.

Die so verfälscht wahrgenommenen Liniensegmente werden durch die Verarbeitung des visuellen Systems zu einer durchgehenden Linie verschmolzen einer gebogenen Linie.

Den umgekehrten Täuschungseffekt kann man bei der Wundtschen Täuschung beobachten:

Wundtsche Täuschung
Durch die Linienkonfiguration und die verzerrte Winkelwahrnehmung scheinen die beiden Parallelen konvex zu verlaufen. Die modifizierten Winkel sind hier grün eingezeichnet.
Dieses Prinzip funktioniert übrigens auch, wenn die Strahlen die Parallelen nicht durchschneiden, sondern nur an diese angrenzen.

Wundtsche- TäuschungDie folgenden Figuren wurden auf der Basis der Arbeiten von D. Orbison (1939) entwickelt. Auch hier werden die eingezeichneten Elemente aufgrund der Winkelfehleinschätzung verzerrt.

Figuren von D. OrbisonMan vermutet, dass die Winkelverzerrung im Wahrnehmungssystem durch bestimmte Nervenzellen in der Sehrinde, den orientierungsspezifischen Zellen der Area striata im visuellen Cortex, verursacht wird.

Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie nur auf eine bestimmte Reizorientierung mit voller Aktivität reagieren, auf andere Reizorientierungen entsprechend geringer.

Zusammen mit Prozessen lateraler Hemmung, die bereits auf der Ebene der Netzhaut stattfinden, ergeben sich bei spitzen Winkeln Überschneidungen derart gehemmter Netzhautbereiche.

Die Folge daraus ist, dass die Aktivität der für diesen Reiz weniger spezifischen Neuronen auf der Winkelinnenseite stärker abnimmt als auf der Winkelaußenseite – der Schwerpunkt verschiebt sich nach außen, der Winkel wird falsch eingeschätzt.17

Literaturverweise:
17 Wahrnehmung – I. Rock – 1985; auch die Orbison-Täuschungen stammen aus diesem Buch
33 Illusionen des Sehens – T. Ditzinger – 1997
Autor: Prof. Dr. Bernd Lingelbach

1 Gedanke zu „Die Heringsche Täuschung, die Wundtsche Täuschung & die Orbison-Täuschung

  1. Nette Sache. auf YouTube habe ich zu diesem Experiment ein Video gesehen und es wurde denke ich falsch erklärt. Die Erklärung lautete nämlich, das Das Gehirn eine Zehntel-Sekunde brauch bis er die Nervenimpulse der Augen interpretiert hat und das Gehirn deshalb in die „Zukunft“ schauen muss. Ausserdem wurde behauptet das wir so einen Ball fangen. Eventuell kann mir dazu jemand etwas schreiben? Danke im Voraus.
    Liebe Grüße euer Zooiris.

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